Physische Belastungen in der Intralogistik im Automobilbau am Beispiel des manuellen Bewegens von Routenzugtrailern

Physische Belastungen in der Intralogistik im Automobilbau am Beispiel des manuellen Bewegens von Routenzugtrailern

Steffen Conrad

Steigende Kundenanforderungen durch die Nachfrage individualisierter, in Serie gefertigter Fahrzeuge haben in den vergangen Jahren zu einer starken Zunahme an Fahrzeugderivaten und Teilenummern geführt. Daraus ergeben sich wachsende Herausforderungen für die operative Intralogistik in Automobilwerken, da die Vielzahl der Teile zumeist „Just in Time“ am Verbauort, der Montagelinie, angeliefert werden müssen.

Steffen Conrad, Audi AG
Steffen Conrad, Audi AG (Zum Vergrößern auf das Bild klicken)

Das Ziehen und Schieben von Großladungsträgern auf Transportwagen stellt dabei eine Kernaufgabe dar. Bei dieser Tätigkeit werden den Mitarbeitern teils hohe Körperkräfte abverlangt, die physisch belastend auf das Muskel-Skelett-System wirken. Wirbelsäulenbeschwerden und -schädigungen sind eine häufige Folge zu hoher Belastungen beim Ziehen und Schieben. Um mögliche Überlastungen identifizieren zu können, werden die Belastungen beim Ziehen und Schieben im AUDI-Werk Neckarsulm durch einen Versuch mit geübten und ungeübten Mitarbeitern erhoben. Während des Durchfahrens eines Versuchsparcours werden auftretende Aktionskräfte über zwei dreidimensionale Kraftmessgriffe, die am Transportwagen angebracht sind, erfasst. Das Gewicht des Trailers wird stufenweise (300, 600 und 900 kg) erhöht.

Die aus den Versuchen erzielten Aktionskraftverläufe zeigen beim Anfahren und Anhalten in allen Fällen Kraftspitzen. In Form einer Engpassbetrachtung werden zur weiteren Analyse diese Kraftmaxima herangezogen. Die Gesamtbelastung setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen: Darunter fallen insbesondere das zu bewegende Lastgewicht, die Handhabungsart und Ausführungsweise sowie die Körperhaltung der ausführenden Person.

Die Wirkung auf den Menschen setzt sich aus der Gesamtbelastung zusammen und wird durch das biomechanische Simulationswerkzeug „Der Dortmunder“ berechnet. Für die in der Regel am höchsten belastete Bandscheibe der Lendenwirbelsäule, die zwischen dem fünften Lendenwirbel und dem Kreuzbein (L5-S1) liegt, ergeben sich Druckkräfte zwischen 0,7 und 1,2 kN. Um eine Aussage über die Höhe der Beanspruchung ableiten zu können, werden die errechneten Werte mit Richtwerten verglichen. Für diesen Vergleich eigenen sich die „Dortmunder Richtwerte“, die jeweils einen Referenzwert für Männer und Frauen in Abhängigkeit vom Lebensalter ausweisen. Diese sind wissenschaftlich begründet und als empfohlene Richtwerte für die maximale Kompressionsbelastung der Lendenwirbelsäule zu verstehen.

Das Ergebnis des Vergleichs zwischen berechneten lumbosakral wirkenden Reaktionskräften und Dortmunder Richtwerten zeigt kein Überlastungsrisiko von gesunden und geübten Logistikfachkräften.

Ungeübte Mitarbeiter hingegen verhalten sich in ihrer Ausführungsweise und in der Höhe der aufgebrachten Körperkräfte nicht immer risikoarm. Aus diesem Grund werden neue Mitarbeiter geschult, um ein Bewusstsein für schädigungsarmes Arbeiten zu schaffen. Auch technische Hilfsmittel werden bei zu schweren Lasten eingesetzt.

Die getätigten Untersuchungen und die abgeleiteten Maßnahmen haben zum Ziel, die Gesundheit der Mitarbeiter durch Qualifizierung, Sensibilisierung und den richtigen Einsatz technischer Hilfsmittel bis ins hohe Arbeitsalter und darüber hinaus zu erhalten und fördern.

pdf Physische Belastungen in der Intralogistik im Automobilbau
Auszug aus den Vortragsfolien von den Tagen der Ergonomie 2017